Mit dem Skateboard aus der Hölle
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Mit dem Skateboard aus der Hölle

Erzähl mir etwas über dich, wer bist du?

Ich bin ein Mensch mit dem Namen Thomas „Schumi“ Schumann. Aufgewachsen bin ich in Mollis und werde dort wahrscheinlich auch alt. Ich lebe in einem Haus, dass ich stetig renoviere und mal erben werde. Ich fühle mich dort sehr zu Hause, obwohl ich auch sonst viel unterwegs bin.

Ich bin ein Einzelgänger auf der Jagd nach Abenteuer, am liebsten auf zwei oder vier Rädern.“

Ich bin dabei gerne unabhängig, habe aber nichts dagegen, wenn unkomplizierte Leute mit den gleichen Interessen mitkommen.

Was treibst du alles für Sport?

Ich mache fast alles, was fährt und rollt. Am meisten skate ich, sicher zwei mal in der Woche und dann meistens intensive vier bis teilweise acht Stunden am Stück. Ausserdem fahre ich Downhill Bike und BMX. Ich bin auch viel mit dem Motorrad unterwegs. Was mir nicht so gefällt, ist Snowboarden oder Skifahren, da sind halt keine Räder dran. 🙂 Die einzige Ausnahme ist Snowbiken im Winter, das macht richtig Spass.

In meinen Augen bist du ein besonderer Mensch der als Multitalent, Freak und Individualist einen speziellen Lebensstil lebt. Wie siehst du das?

Das kann ich unterzeichnen. 🙂 Für mich ist das so normal, andere empfinden das vielleicht nicht so. Mich reizen halt immer neue Herausforderungen. Wenn ich einen neuen Trick lerne und dabei das Rail noch selber gebaut habe, ist das ein doppelter Erfolg. Ich bin jedoch ein sehr ungeduldiger Typ und manchmal lasse ich lieber die Finger von einem Trick, weil ich genau weiss, dass meine Ungeduld mir beim Erlernen dieses Tricks im Weg steht.

„Was ich liebe ist Geschwindigkeit, es ist immer noch etwas vom Besten mit Vollspeed durch eine Bowl zu skaten.“ 

Wenn ich etwas will, dann setze ich es auch um, deshalb nehme ich vieles selber in die Hand, wie Sachen zu bauen oder mich zu filmen. Ich bin sehr selbstkritisch und mache Etwas bis es mir passt. Das kann manchmal sehr lange dauern.

Mein Interessenbereich liegt so bei meiner Leidenschaft dem Sport, dass ich in anderen Themen wenig Allgemeinwissen habe. Das grenzt mich oft aus und macht mich zum Einzelgänger, aber daran habe ich mich gewöhnt.“ 

Zu meiner Familie habe ich einen super Kontakt. Bei ihnen kann ich so sein wie ich bin und sie unterstützen mich in dem was ich mache. Meine Mutter ist zweifache Weltmeisterin im Trampolinspringen und war Sportlerin des Jahres. Sie hatte keine einfache Jugend und hat schwierige Situationen mit der Hilfe des Sports gemeistert, das habe ich wohl von ihr. Mein Individualist sein habe ich von meinem Vater und den sportlichen Ehrgeiz von beiden Eltern. Zu meinem drei Jahre älteren Bruder habe ich auch ein sehr gutes Verhältnis, obwohl wir sehr verschieden sind und eigentlich wenig Kontakt haben. Das Einzige was wir gemeinsam haben, ist dass wir zusammen mit dem Skaten begonnen haben und er auch Motorrad fährt.

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Als Exot der sich nicht schubladisieren lässt, eckt man auch manchmal an. Wo siehst du da deine Schwierigkeiten? 

Es ist schwierig für mich, mich in eine Gruppe zu integrieren. Ich bin ein starker Gefühlsmensch und sehr sensibel, auch wenn ich mich nicht immer so gebe, so schwanke ich manchmal von einem Extrem ins andere. Das macht es den Menschen nicht immer leicht mich zu verstehen. Klar habe ich Freude, wenn Andere mich mögen und ich finde es toll, wenn mich die Menschen beim Skaten anfeuern. Mir macht es aber dann wieder Mühe, wenn Menschen nur wegen ihrem Erfolg gemocht werden, man ist dann sehr schnell der Beste und plötzlich ein Niemand. Das ist traurig, denn schliesslich steckt ein ganz normaler Mensch dahinter.

Du hattest eine bewegte Jugend und bist früh mit Suchtmitteln in Kontakt gekommen. Wann hat das begonnen und wie bist du da hinein gerutscht?

Ich hatte ältere Jungs, die mit meinem Bruder zur Schule gingen, als Vorbild. Alle waren immer bei uns im Hobbyraum, dem Trampolinraum meiner Mutter. Mit neun Jahren habe ich das erste Mal geraucht, nicht richtig, aber halt so wie man das am Anfang ausprobiert. Es war damals einfach cool zu rauchen. Mit zwölf Jahren habe ich dann richtig geraucht. Die Zigarettenpäckchen habe ich im Laden geklaut, weil ich kein Geld hatte, mir welche zu kaufen. In den Sommerferien habe ich dann immer noch mit den 16-jährigen Freunden von meinem Bruder abgehangen. Mit denen habe ich dann zum ersten Mal gekifft und fand den Rausch recht amüsant. Ab da habe ich in der Clique immer mitgekifft, wenn ich konnte.

Einer der Jungs hatte mal ein Skate dabei und ich habe dadurch das Skaten entdeckt. Ich wollte unbedingt einen Olli können.

Sie zeigten mir dann das Game von Tony Hawk auf der Playstation und ich war total fasziniert. In den Videos in dem Game war zu sehen wie Jamie Thomas, Geoff Rowley und Chad Muska die Treppengeländer mit dem Skate runter rutschten und ich dachte, dass will ich auch können “

So erbettelten wir uns unser erstes Skate bei unseren Eltern. Skateboarden wurde zu einem festen Bestandteil meines Lebens, da es sehr viel Zeit braucht, bis man es kann. Mit dem Skaten trat die Punk-Musik in mein Leben, was mir sehr gefiel. Damals hörte ich auch viel Techno mit meinem Kollegenkreis, der nicht skatete.

Mit 14 Jahren hatte ich das Gefühl täglich kiffen zu müssen und mein Ziel habe ich eigentlich immer erreicht.“ 

Alkohol reizte mich damals nicht so, aber meine Kollegen tranken gerne mal und haben die Getränke mit zu mir gebracht. Ich habe dann auch getrunken, aber nie wirklich viel, weil ich mich mal völlig verschätzt habe mit einer ganzen Flasche Brandy und mir danach eine Woche lang schlecht war. An Partys ging ich mit 15 noch nicht so, kam aber trotzdem ganz einfach in Kontakt mit Amphetaminen oder Ecstasy, da meine Kumpels wussten wer was hat.

„Um an Drogen zu kommen, brauchte ich nicht auf Partys zu gehen, es reichte ein paar Schritte vor meine Haustür zu machen.“

Wir merkten aber, dass diese Drogen mehr zum Party machen geeignet waren und so fing der Alkohol an zu dominieren, obwohl ich ihn nicht mal gerne hatte.

Es ging mehr darum sich selber und anderen etwas zu beweisen“.

So ab 18 stürzte ich dann erst richtig ab. Irgendwie kamen wir wieder auf die chemischen Drogen zurück. Mit 19 musste ich bereits meinen Führerschein wieder abgeben, weil ich täglich Cannabis konsumiert hatte. Ich wollte damals aufhören, aber bin dadurch zum Biertrinker geworden, was auch nicht zu den Auflagen passte die mir von der Staatsanwaltschaft vorgeschrieben wurden. Ich entschied mich gegen meinen Ausweis und kiffte weiter nur jetzt noch mit Bier. Ich trank damals zwischen 1-3 Liter Bier und kiffte 4-8 Joints täglich und oft waren es auch mehr. Wenn ich frei hatte, konsumierte ich Alkohol und Cannabis vom Morgen bis am Abend und wenn ich arbeitete, am Feierabend. Da ich oft verletzt oder arbeitslos war, hatte ich viel Zeit mich abzuschiessen. Ich konnte locker 3-4 Tage in der Langstrasse rumhängen mich mit chemischen Drogen wachhalten und danach lag ich wieder 2 Tage zu Hause herum.

Wenn ich etwas mache, dann richtig und so war es auch mit den Drogen. Ich mag keine halben Sachen und so war ich mit 19 Jahren Alkoholiker und drogenabhängig.“

Ich habe zu dieser Zeit viele verschiedene Sachen eingenommen, einzig von Heroin, Crack und Meth wollte ich nichts wissen. Trotz der exzessiven Zeit übte ich meinen Sport immer noch aus. Ich fuhr sogar eine BMX Show völlig auf Drogen. Das Gefühl dabei, war aber nicht immer sehr toll, ich merkte wie mein Körper litt und ich mich nicht mehr so unter Kontrolle hatte.

Manchmal wusste ich nicht mal mehr wie ich einen Fuss vor den anderen zu setzen habe.“

Plötzlich bekam ich keine so schönen Trips und Erlebnisse mehr mit den Drogen wie am Anfang, egal in welchen Cocktail ich sie mixte. Ich hatte viel zu viel Halluzinogene Drogen konsumiert, als dass es noch so wirken konnte wie zu Beginn. Emotional hatte ich oft eine sehr grosse Leere in mir, die sich nicht mehr zu füllen schien. Ich wusste ab diesem Moment, dass ich etwas ändern musste und hatte im Gespräch mit meiner Mutter einen totalen Zusammenbruch.

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Ich habe in der Psychiatrischen Klinik gearbeitet und weiss, dass es nicht so einfach ist von solchen Drogen los zu kommen. Meistens werden sie auch einfach durch eine andere Sucht ersetzt. Deshalb finde ich was du ganz alleine geschafft etwas Aussergewöhnliches und zeugt von sehr grossem Willen. Erzähl uns wie du aus dem Drogenelend heraus gekommen bist?

Mit 22 Jahren machte ich einen Totalentzug. Ich hörte mit allen Drogen auf, mit dem Alkohol und mit dem Rauchen. Das Kiffen war das, was mir am schwersten viel.

Aber eben ganz nach meinem Motto „entweder oder“, mag ich keine halben Sachen und so hörte ich gleich mit allem auf einmal auf.“

Mein Freundeskreis zeigte wenig Verständnis für meinen Entzug. Zum Glück stand meine Familie hinter mir. Es war nicht einfach und ich litt extrem, so suchte ich nach Beschäftigung.

Ich eröffnetet im Jahre 2009 meinen YouTube Kanal und filmte mich beim Skaten, Biken und BMX fahren. Ich war sehr viel skaten, denn die körperliche Anstrengung und die Ablenkung, waren genau das Richtige für mich. Ich konnte nachts manchmal nur zwei Stunden schlafen, doch wenn ich mich körperlich verausgabte, ging es viel besser.

Ich fand den Rausch im Fahren und Erleben von etwas Schönem, was mir Spass machte.“

Es war keine leichte Zeit aber ich kann zurück schauen und mit Stolz sagen, dass ich seit 2009 nichts mehr konsumiert habe und dadurch auch meinen Führerschein wieder zurück erlangt habe.

 

Hatte diese Zeit auch Einfluss auf deine sexuelle Gesundheit, hast du dich da auch schon in schwierige Situationen gebracht? 

Oh ja, ich hatte in dieser Zeit oft ungeschützten Sex, mit Partnerinnen mit denen man definitiv keinen ungeschützten Sex haben sollte. Der Schutz wird unter Drogen zur Nebensache und man kümmert sich nicht darum. Sobald man auf chemischen Drogen oder Alkohol ist, kommt die Lust auf sexuelle Befriedigung, da ist die Partnerin oder der Schutz nicht mehr so wichtig, man folgt seinem Trieb.

 „Ich habe in dieser Zeit und dieser Szene vieles erlebt und gesehen, was ich nur schwer verarbeiten konnte.“

Nach meinem Entzug war das Erste was ich machte, mich total testen zu lassen. Ich hatte sehr grosse Angst vor dem Ergebnis, doch ich hatte Glück. Jetzt gehe ich bewusst mit Schutz um und erlebe die Sexualität als echt und gefühlsvoll.

Was kannst du anderen für einen Tipp geben, die in einer ähnlichen Situation stecken?

Das ist schwierig, denn neben den Drogen die einem das Leben beflügeln, verliert man fast alle Freunde und sein soziales Umfeld.

Es braucht eine riesen Kraft aufzustehen und sich gegen Alles zu stellen.“

Am besten ist es, sich etwas zu suchen, was einem Kraft gibt, ablenkt und vor allem ein gutes Gefühl verleiht.

In der Freestyleszene wird auch gerne gefeiert und oft sind auch Alkohol und andere Suchtmittel mit dabei. Wie gehst du damit um? 

Ich mag Partys und Räume mit zu vielen Leuten eh nicht so, deshalb meide ich sie oft. Was andere in meiner Gegenwart konsumieren, stört mich gar nicht, sie können machen was sie wollen. Es fällt mir auch nicht schwer nicht mitzumachen und ich habe kein Verlangen danach.

Was befindet sich unter deinem Bett? 

Staub und sonst nichts Interessantes.

„Als Junge waren noch Sexhäflti unter meinem Bett… ;)“

Was befindet sich in deiner Garage? 

Eine selbstgebaute Skateramp (Bowl) und etwa fünf Motorräder, Bikes und mein BMX.

Beim Skaten und Biken hast du schon viele Erfolge erzielt, wie Vize Schweizermeister und Schweizermeister zu werden. Du machst durch deinen besonderen Stil auf dich aufmerksam. Ich finde es immer wieder schön zu sehen, mit was für einem Ehrgeiz du da ran gehst und wie viel Körperkraft, Dynamik und Leidenschaft du investierst. Was sind für dich deine persönlichen Erfolge? 

Meine persönlichen Erfolge sind die, in denen mir etwas gelingt, was sonst noch Niemand oder kaum Jemand geschafft hat, dann, wenn ich etwas Aussergewöhnliches mache.

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Du wurdest der erste Schweizermeister der Sk8board PumpKing Challenge 2016. Was ist die PumpKing Challenge? Was bedeutet es dir der PumpKing zu sein?

Der Pumptrack ist eine Strecke, die für Geschicklichkeit und Ausdauer, für das Training von Biker erbaut wurde, um sich mit eigener Muskelkraft fort zu bewegen um ohne treten in Bewegung zu bleiben. Mit dem Skateboard funktioniert dies auch und so wird es an der Sk8teboard PumpKing Challenge umgesetzt. Wer am schnellsten mit der eigenen Körperdynamik und Schwungerzeugung durch die Wellenbahn mit Steilwandkurven kommt, gewinnt.

In Pfäffikon ZH, beim ersten Event, wollte ich schon der schnellste sein, weil mir das schnelle Fahren sowieso gefällt. Ich hatte riesen Spass am Event und gewann ihn noch dazu. Danach habe ich erfahren, dass es eine ganze Tour mit einem Gesamtsieger gibt und schon war ich dabei. Es war super und jedes Mal eine Herausforderung, meine eigene Zeit zu topen.

Das beste daran ist, dass ich Toursieger wurde und damit der erste Schweizermeister der Sk8teboard PumpKing Challenge überhaupt.“ 

Wirst du deinen Titel im 2017 versuchen zu verteidigen? 

Oh ja definitiv werde ich meinen Titel versuchen zu verteidigen und meine Krone zu behalten. 😉

Interview mit Thomas „Schumi“ Schumann
Text: Corinne Rietmann
Fotos: Pascal Landert, Dominik Bosshard

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